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  Archiv / Bergisches Land

Artikel vom: 17.11.2006

Laub verdeckt die Geschichte

Von Aleksandra Ilina

Hückeswagen. Braune Kastanienblätter liegen am Weg. Dutzende, Hunderte, Tausende? Egal. Sie sind letzte Grüße des goldenen Herbstes, der unerwartet in den November geschlichen ist. Das Lichtspiel in gold, braun, grün und weiß beeindruckt. Der Blick wandert in die Ferne - weit weg ins Bergische Land, über Täler und Hügel und plötzlich konzentriert sich das Licht auf einem Punkt: die Friedenskapelle.

Sie soll ein Mahnmal für den Frieden sein. Doch Frieden ist nicht immer an diesem stillen Ort gewesen. Ein kleiner Friedhof ist zwischen den zahlreichen Blättern kaum zu sehen. Stille Erinnerung.

Hier wurden 44 sowjetische Zwangsarbeiter beigesetzt, die 1941/1942 bei einer Fleckfieberepidemie ums Leben kamen. Laut der Broschüre des Freundeskreises "Friedenskapelle Voßhagen" waren die kriegsgefangenen Zwangsarbeiter in einem Lager an der Stadtgrenze zwischen Hückeswagen und Remscheid-Lennep bei Hammerstein zusammengepfercht.

Erst im Jahre 1945 nach dem Einmarsch der Amerikaner wurden Ende Juni zahlreiche Russen aus dem Lager Hammerstein befreit. "Viele andere jedoch haben die unmenschlichen Bedingungen - Schwerstarbeit bei mangelhafter Ernährung und Bekleidung, Ungeziefer und Kälte nicht überlebt, starben an Fleckfieber oder eines gewaltsamen Todes."

Vergebens wird ein Besucher nach allen diesen Fabriken und Betrieben des menschlichen Leidens suchen: Die meisten sind unter dem Wasser vergraben. Für immer. Das Wasser der Wuppertalsperre herrscht nun ganz alleine über diese Informationen über menschliche Schicksale und verrät sie nie mehr.

44 Menschen haben hier auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden. Nur eine Nummer steht auf jedem Grab. Aber wie viele sind dort tatsächlich gestorben? Doch die Blätter scheinen absichtlich auch diese letzte Information zu verbergen.

Langsam befreit der Besucher eine Nummer von den Blättern. "16". Was für ein Mensch war es? Wie und wann ist er gestorben? War es ein Mann oder eine Frau? Wer hat in der weit entfernten Sowjetunion auf ihn vergebens alle diese Jahre gewartet und suchen lassen? Eine Frau? Kinder? Mutter? "Im Krieg vermisst" ist eine der härtesten Nachrichten gewesen - die Waage des Lebens: tot oder am Leben? Oder haben die Angehörigen doch eine Todesmitteilung bekommen? Die Fragen, die wahrscheinlich nie beantwortet werden können. "Und sah eigentlich der Herbst auch damals so herrlich aus?" - diese letzte Frage unterbricht den Gedankengang. Nummer 16 . . .

"Prischkin Timofej" steht dann auf einer etwas entfernten Tafel auf einem Stein unter dieser Nummer. Also ein Mann. Mehr verrät die Tafel in russischer Sprache nicht. Daneben sind aber die Namen auch auf Deutsch zu lesen. Nummer 16. "Prischkin Pinofei"? Verlegenheit. Wie konnte ein Fehler geschehen? Schaut der Besucher weiter und vergleicht die Namen - staunt er noch mehr: Es scheint nicht der einzige Fehler zu sein. Ein anderer "Timofej" heißt in Deutsch plötzlich "Trinnotei". Nach dieser Erkenntnis werden die Tafel nun noch aufmerksamer verglichen. Einige Namen sind fast nicht mehr zu erkennen. Zwei Vornamen sind mit dem Nachnahmen verdreht. Die Namen von zwei begrabenen Frauen sind in deutscher Schrift nicht als solche zu erkennen.

Einige Schicksale der hier begrabenen Menschen verrät die Broschüre des Freundeskreises doch. "So wie der 24-jährige Schneider Alens Poltawsai und der gleichaltrige Traktorist Iwan Tokarew, deren Totenscheine besagen, sie seien am 26. April 1942 'auf der Flucht erschossen' worden." Doch sucht man nach diesem "Schneider" auf der Tafel mit den russischen Buchstaben, handelt es sich dann um eine Schneiderin Alena Poltansei. Es war also eine Frau.

Verwirrt bleibt der Besucher stehen und versucht sich in diese Zeit zu versetzen. Warum? Warum und wieso waren diese Namen so falsch aufgeschrieben worden? Wahrscheinlich vom Hören. So wie die von der Krankheit geschwächten Menschen sie ausgesprochen haben. Das könnte einzige Erklärung für solche Schreibweise sein. Und wieviele ähnliche Schicksale kann die Weltgeschichte aufweisen? 44 Menschen sind hier in Hückeswagen begraben. . .

"Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ("Unternehmen Barbarossa") wurden mehr und mehr sowjetische Gefangene eingeliefert. Die Kriegsgefangenen wurden unter meist menschenunwürdigen Bedingungen zu Zwangsarbeiten in der Umgebung herangezogen", schreibt Wolfgang Held von dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge NRW. "Vom Juni 1941 bis zum Frühjahr 1942 starben etwa zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Lagern."

Ja, die 44 Namen davon sind auf dem Stein auf dem Friedhof Voßhagen geblieben. "Sie alle sind in der Zeit von Dezember 1941 bis Dezember 1942 beerdigt worden", erzählt Maria Guski vom Freundeskreis Friedenskapelle Voßhagen. In der Broschüre des Freundeskreises steht es: "Der 36-jährige Bauer Wasili Sokolow starb den Tod durch Erhängen. Er war der älteste, der jüngste war gerade 17 Jahre alt . . ." Fast ein Kind. Ein Kind, welches das Leben im eigentlichen Sinne nicht wahrnehmen konnte und seine letzte Ruhe in Voßhagen gefunden hat.

Nach dem 2. Weltkrieg haben die Alliierten in vielen Orten Deutschlands Soldatenfriedhöfe angelegt. Auch umgekommene Zwangsarbeiter wurden zum Teil auf solche Friedhöfen umgebettet. Mit oder ohne Namen, mit richtig oder falsch aufgeschriebenen Namen. "Der Freundeskreis wird überlegen, ob die Tafel mit den deutschen Namen ausgetauscht werden kann: Sie müssen richtig geschrieben werden", sagt Guski.

Der Wind spielt lahm mit herumliegenden Blättern. Manchmal werden dabei die Nummer der Gräber freigemacht oder umgekehrt zugedeckt. Je nachdem wie der Wind es eben wünscht. Die Vergangenheit ist da und doch kaum zu erkennen. Die Natur, Wasser und goldener Herbst verbergen sie behutsam. Ein Vogel kreist im blauhellen Himmel: Vielleicht hat er stille Grüße aus der Heimat gebracht. Das Leben geht weiter.

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