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Bergisches Land
Ausländerfeindliche Parolen: Die Angst eines Studenten
Von Nicole Bolz
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Wuppertal. Zivilcourage - wenn Sebastian Krämer (Name von der Redaktion geändert) bislang von Vorfällen las, bei denen eine ganze Gruppe ungestört in der Öffentlichkeit einen anderen Menschen bedroht hatte, dann fragte er sich stets: "Wie kann es sein, dass sich niemand eingemischt hat?" Eine Frage, wie sie vor allem seit dem tödlichen S-Bahn-Angriff in München gesellschaftlich diskutiert wird.
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Im September hatten Jugendliche dort einen 50-jährigen Geschäftsmann zu Tode geprügelt, als dieser sich schützend vor eine Gruppe Teenager gestellt hatte. Das schlechte Gewissen kam eine Woche später Seit vergangener Woche fragt sich Krämer: "Wie kann es sein, dass ich mich selbst nicht eingemischt habe?" Und das schlechte Gewissen lässt den Studenten seither nicht los.
Es war ein Freitagabend Ende Oktober, als Sebastian Krämer in eine brenzlige Situation geriet. Er stieg in den Bus der Linie 625 ein, von der Kaiserhöhe Richtung Wuppertal Hauptbahnhof fahrend, und bemerkte im hinteren Teil des Busses eine Gruppe von etwa 20 Jugendlichen. Weil noch Platz zwischen ihnen war, setzte er sich ebenfalls in diese Reihen.
"Dann begann ein Teil von ihnen - ich schätze, es waren etwa fünf - lautstark, ausländerfeindliche Parolen durch den Bus zu grölen", erzählt der junge Mann. Zeilen aus nationalsozialistischen Hetzliedern kamen dabei ebenso vor wie simple Parolen wie "Ausländer raus" und "Ausreise statt Einreise". Der 28-Jährige war entsetzt. Äußerlich war den Jugendlichen - er schätzt ihr Alter auf um die 20 Jahre - die Gesinnung nicht anzusehen.
"Jeder im Bus hat das mitbekommen, aber keiner hat reagiert", sagt Krämer und fügt etwas leiser hinzu: "Ich auch nicht." Einmal habe er sich zu den grölenden Jungs rumgedreht und böse geschaut, aber sofort habe sich einer vor ihm aufgebaut und provokant gefragt: "Was willst Du?" So drehte sich Krämer wieder um. "Ich hab' die ganze Zeit überlegt, was ich tun soll", erinnert er sich. "Es saßen auch Ausländer vorne im Bus - was sollen die gedacht haben?
Auch darüber, dass niemand etwas dagegen unternommen hat?" Eine knappe halbe Stunde dauerte die Fahrt. Für Sebastian Krämer eine Ewigkeit. Sollte er nach vorne zum Busfahrer gehen, um ihn zu bitten, etwas zu tun? Aber es war so laut, dass dieser die Gesänge mitbekommen haben musste. Sollte Krämer selbst die Polizei anrufen - das ging nicht, ohne dass die Provokateure das mitbekommen hätten.
Und warum rief keiner der anderen Fahrgäste die Polizei? Am Hauptbahnhof angekommen - es war zum Glück nichts weiter passiert - befragte er den Busfahrer. "Doch der sagte, ihm seien die Hände gebunden", berichtet Krämer.
"Ob der Busfahrer in einer solchen Situation etwas unternimmt, liegt in seinem Ermessen", sagt Holger Stephan, Sprecher der Wuppertaler Stadtwerke (WSW). Erkennt der Fahrer eine Bedrohung für sich oder die Fahrgäste, dann sollte er sich an die WSW-Betriebsleitzentrale wenden, die dann je nach Lage Sicherheitskräfte in den Bus schickt oder die Polizei alarmiert.
Dort rät man für solche Situationen, vor allem sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. "Das hat der Mann schon richtig gemacht", sagt Mechthild Bach von der Kriminalprävention Opferschutz. "Allein kann er in dieser Situation nichts ausrichten."
Ihr Tipp: Sich selbst raus aus der Gruppe bringen, schauen, wen man zu seinem Verbündeten machen kann und auf diese anderen Zeugen zugehen. Und natürlich: die Polizei rufen. Zivilcourage: Per Definition heißt das, gegen die öffentliche Meinung aufzutreten und ohne Rücksicht auf sich selbst, soziale Werte oder die Werte der Allgemeinheit zu vertreten. In seinen eigenen Augen hat Sebastian Krämer darin versagt. "Ich hätte etwas tun müssen."
Das Rät die Polizei
- Staatsschutz: Das Singen nationalsozialistischer Lieder
oder ausländerfeindlicher Sprüche in der Öffentlichkeit ist eine Straftat. Volksverhetzung kann laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren geahndet werden.
- Zeugen: Die Polizei appelliert an die Bürger, sich in solchen Fällen als Zeugen zur Verfügung zu stellen. Dazu sollten die Leute ihre Beobachtungsgabe schulen, sich auffällige Merkmale der Täter sowie möglichst viele Details einprägen, die bei der Aufklärung weiterhelfen. Im Fall von Sebastian Krämer hätte das etwa die Busnummer sein können. Sachdienliche Hinweise nimmt die Polizei jederzeit unter der Rufnummer 28 40 entgegen.
Übersicht:
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