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19.05.2012 02:10

Ein Sitzmöbel und seine Geheimnisse

Von Axel Richter

Zoom Die Materialprüferin: Prof. Dr. Friederike Deuerler mit einem defekten Zahnrad. Fragen nach Korrosion und Verschleiß beschäftigen sie an der Uni. Dem Barcelona Chair näherte sich auf ganz ähnliche Weise. Foto: Michael Sieber

Remscheid Caterina Valente posierte in den 60ern darauf für den Spiegel. Und besitzt das fotogene Möbel noch heute. Mehr noch: Die Grande Dame des deutschen Schlagers war sich auch nicht zu schade, um auf Bitten aus dem Bergischen Land die Schieblehre an ihren Barcelona Chair anzulegen.

Friederike Deuerler, Professorin für Sicherheitstechnik und Maschinenbau an der Uni Wuppertal, wollte es mal wieder ganz genau wissen: Was ist es für ein Sessel, den das Nachrichtenmagazin mit der Valente abgelichtet hatte?

Ludwig Mies van der Rohe, deutscher Baumeister, längst vor seinem Tod 1969 zur Designer-Legende geworden, hatte ihn 1929 kreiert. Für den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona präsentierte er seinen Stuhl Barcelona, der in all seiner Funktionalität und Schlichtheit zur Design-Ikone werden sollte. "Barcelona war eine radikale Lösung, die herausstach und Aufmerksamkeit erregte", erklärt die Kunst- und Designhistorikerin Prof. Dr. Gerda Breuer.

Breuer und Deuerler, die beiden Hochschullehrerinnen von der Bergischen Uni, fasziniert das berühmte Sitzmöbel auf ihre jeweils eigene Weise. Was ihn im faustischen Sinne im Innersten zusammenhält interessiert die eine, seine Bedeutung als Symbolobjekt großbürgerlichen Wohnens beleuchtet die andere.

Für den nächsten RGA-Uni-Vortrag sind die beiden Wissenschaftlerinnen einmal mehr eine interdisziplinäre Kooperation eingegangen. Beide sprechen am 24. Mai beim dritten RGA-Uni-Vortrag 2012 in der Lenneper Klosterkirche über das Kultobjekt der Möbeldesigner.

"Eigentlich ist es ziemlich bekloppt, sich so intensiv mit einem Möbelstück zu beschäftigen."

Prof. Dr. Friederike Deuerler

Warum reißt ein Stahlseil? Warum bricht die Lenksäule eines Lkw? Und warum der Zahnfuß eines Zahnrades? Das sind die sind Fragen nach Korrosion und Verschleiß, worauf Friederike Deuerler an der Uni Wuppertal eigentlich nach Antworten sucht. Was fasziniert sie so sehr an einem Sessel, seinem Gestell, seiner Begurtung, seinen Kissen?

"Eine gute Frage", entgegnet die 55-Jährige. "Eigentlich ist es doch ziemlich bekloppt, sich so intensiv mit einem Möbelstück zu beschäftigen." Und doch: So simpel wie er aussieht ist der Barcelona Chair nicht, weiß die Materialforscherin. Wie wurde er also produziert? Und was unterscheidet das eine Exemplar vom anderen? Denn Barcelona wurde im Stil der jeweiligen Zeit immer wieder neu interpretiert, nachgeahmt und von Trittbrettfahrern des Erfolgs auch plump kopiert. Unter dem Röntgengerät hat die Expertin für Werkstoffe das Geheimnis des stilvvollen Klassikers gelüftet.

Manch einen Erben musste die Wissenschaftlerin enttäuschen

Deuerler fand die Materialien heraus, kam der Güte des Stahls und der Schweißverbindungen auf die Spur. Manch einen Erben, der einen womöglich wertvollen Fund auf dem Dachboden gemacht hatte, musste sie deshalb enttäuschen. Kamen die teuersten Exemplare schon für Hunderttausende Euro unter den Hammer, sind das viele kopierte Barcelonas nicht ansatzweise wert.

Ursprünglich in Mies Auftrag von der Firma Knoll International produziert, "ist mit den Sesseln später viel Schindluder getrieben worden", sagt Prof. Dr. Deuerler. Den Fälschern von heute macht sie derweil das Leben schwer. Die, sagt die Expertin, "haben an unserer Arbeit keine wirkliche Freude".



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