Igor Folwill möchte "Orpheus" den zeitkritischen Biss zurückgeben
Von Anne-Kathrin Reif
VORSCHAU Igor Remscheid. Bei der Uraufführung seiner Operette "Orpheus in der Unterwelt"1858 in Paris konnte Jacques Offenbach noch darauf bauen, dass dem Theaterpublikum der antike Mythos, den er mit seinem Werk gehörig durch den Kakao zu ziehen gedachte, geläufig war. Ebenso durfte er davon ausgehen, dass man die Gesellschaftskritik, die er in das pseudo-antike Gewand kleidete, unschwer entschlüsseln würde. Denn nichts lag ihm ferner, als lediglich das beliebte Genre der "Götterkomödie" um eine Operette zu erweitern.möchte Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" ihren zeitkritischen Biss zurückgeben.
"Offenbach hat mit dem ,Orpheus´ wesentlich aktueller und kritischer auf das damalige Zeitgeschehen reagiert, als es die späteren volkstümlichen Interpretationen vermuten lassen", betont Prof. Igor Folwill. Und genau diesen zeitkritischen Biss will er der Operette mit seiner Inszenierung zurückgeben - zumal er zahlreiche Parallelen zur heutigen Zeit sieht. "Ein totales Wertedurcheinander, Orientierungslosigkeit, Doppelmoral, mafiöse Strukturen in der Politik - die Zeiten sind sehr gleich", meint Folwill.
Deshalb hält er sich einerseits zwar eng an das Offenbachsche Original, peppt vor allem die Dialoge aber mit allerlei zeitgenössischen Versatzstücken auf. Und: Er verwandelt den antiken Götterhimmel in eine irdischen Plenarsaal. Da wird Venus zur Sozialdezernentin, Diana zur Abgeordneten der Grünen und Mars Zivilschutzbeauftragter.
Es geht aber weniger um politische Debatten, sondern um das pralle Leben - und das findet, wo sonst, im Theater statt. Einen Ausflug in diese "Unterwelt" verordnet Göttervater (Kanzler) Jupiter seinen Abgeordneten. "Und da kippt die höhere politische Ebene ganz schnell runter ins Schlafzimmer," wie Folwill es beschreibt. Denn schließlich dreht sich diese komödiantische Operette vor allem auch um die Doppelmoral der bürgerlichen Ehe zwischen vorgeblicher Treue, Langeweile und Seitensprüngen.
"Die Operette hält große Chorszenen und wunderbare Couplets bereit", sagt Folwill. "Als karnevalserprobter gebürtiger Kölner gelingt Offenbach eine Mischung aus Charme, Esprit, Bosheit und Schmiss." Und genau so will auch Follwill das Ganze auf die Bühne bringen - mit Chor, kleinem Ballett und zwölf Solisten von der Musikhochschule Köln.
"ORPHEUS"
INHALT Das Ehepaar Orpheus und Eurydike hat sich auseinandergelebt. Er würde sich längst von seiner ungeliebten Gattin getrennt haben, wäre da nicht die öffentliche Meinung. Ebenso wie Orpheus hat Eurydike einen Geliebten, von dem sie nicht weiß, dass er in Wahrheit Pluto, der Herr der Unterwelt, ist. Pluto will seine Geliebte in die Unterwelt verführen und wartet auf einen günstigen Zeitpunkt. Nach einem heftigen Streit zwischen den Eheleuten sieht Pluto seine Zeit gekommen.
INSZENIERUNG Es handelt sich um eine Eigeninszenierung des Kulturbüros Solingen mit der Musikhochschule Köln. Es spielen die Bergischen Symphoniker unter Peter Kuhn.
TERMINE Premiere am morgigen Mittwoch im Theater Solingen. Vorstellungen im Remscheider Teo Otto Theater: 19. Mai, 19.30 Uhr, 20. Mai, 18 Uhr. Karten (24 Euro, Jugendticket 5 Euro): 02191/ 162650.
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