Gossip entfernen sich vom Rock
Von Sophia-Caroline Kosel, dpa
Berlin (dpa) - Eine massige Hand mit spitzen rosa Fingernägeln ragt ins Bild, über ihr die schwarze Walle-Mähne der Sängerin Beth Ditto. Das Cover des neuen Gossip-Albums ist etwas zum Fürchten. Und es erinnert an den Cure-Sänger Robert Smith mit seinem Düster-Look.
Wer nun Dark Music erwartet, wurde in die Irre geführt. «A Joyful Noise» («Erfreulicher Lärm»), das fünfte Studio-Album des einstigen Punk-Trios aus Portland, bietet Pop. Ihr neuestes Werk hat die Band am Dienstag im legendären Berliner Techno-Club Berghain vorgestellt. Das Konzert war nach Angaben der Veranstalter binnen 20 Minuten ausverkauft.
1999 hatte sich das Trio um die exzentrische Frontfrau Ditto (31), die bei einer Größe von 1,55 Meter rund 100 Kilo auf die Waage bringt, gegründet - als Punk-Band. Mit ihrem dritten Album «Standing In The Way Of Control» gelang den US-Musikern 2006 der Durchbruch in den britischen Charts. Ein, zwei Jahre später war die Band dann auch in Deutschland ein Begriff für Indie-Fans. Und so ging es Schritt für Schritt weiter in Richtung Mainstream.
Rock-Profi Rick Rubin, der auch mit Metallica, den Beastie Boys und den Red Hot Chili Peppers zusammenarbeitete, hatte 2009 das vierte Album «Music For Men» produziert. Bei «A Joyful Noise» war nun der Pop-Profi Brian Higgins am Werk. Er hat sich schon mit Kylie Minogue, Texas und den Pet Shop Boys einen Namen gemacht. Und Beth Ditto selbst lässt per Pressemitteilung verkünden: «Ich habe das ganze Jahr nur Abba und überhaupt kein Radio gehört.»
Nach Abba klingen die elf neuen Songs kaum - aber schon eher danach als nach handfestem Rock zum Abhotten. Das Keyboard kommt oft zum Einsatz. Es gibt einige fluffig-leichte potenzielle Sommerhits im 80er-Jahre-Stil, etwa «Move In The Right Direction», das nach Erasure klingt, oder «Casualties Of War». In anderen Songs sind Anklänge von Techno, Country oder Funk zu finden. So richtig warm wird man mit den meisten Liedern erst beim dritten, vierten Hören - so etwa bei der ersten ausgekoppelten Single «Perfect World». Im Video dazu wandelt Ditto als Nonne durch eine Kirche - die stimmgewaltige quirlige Amerikanerin hatte einst im Kirchenchor gesungen.
«Man könnte ewig an einem Album arbeiten. Es ist eigentlich nie fertig», sagte Ditto im dpa-Interview zur neuen Platte. Und, was nicht wundert: «Wir machen Lieder, die wir gerne hören wollen.» Fest steht: Auf der Bühne klingt alles deutlich besser als von der Platte. Die Fashion-Ikone Ditto und ihre Dauer-Mitstreiter - der Schnauzbart und In-Brille tragende Gitarrist Nathan Howdeshell sowie die androgyne Schlagzeugerin Hannah Blilie - werden dabei von weiteren Musikern unterstützt. Doch so richtig verausgabt hat sich das Publikum vor allem bei den rockigen Songs der Vorgänger-Alben - sie passen einfach besser zu Gossip.
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