Licht aus, Spot an, und dann steht er mitten im Publikum der Köln-arena. In Jeans, Jackett, Hut und Chucks - dem typischen Garrett-Look eben - macht er sich auf den Weg zur Bühne, die Violine im Anschlag.
Er ist jung, talentiert und hat dieses gewisse Etwas, mit dem er die Menschen in seinen Bann zieht. 8 000 Menschen sind am vergangenen Samstag in die Kölnarena gekommen, um den Auftakt von David Garretts Tour ,,Encore” mitzuerleben. Es ist erstaunlich, dass eine einzelne Person - dazu noch mit einem großen Teil klassischer Musik - so viele Menschen anziehen kann. Ob Metallicas ,,Nothing Else Matters” oder Johann Sebastian Bachs Violinkonzert: Das Publikum ist begeistert vom musikalischen Stilmix, bejubelt und beklatscht den 28-jährigen Violinisten wie einen Popstar. Und eines fällt auf: Das Publikum ist jung. Sehr jung sogar. Und viele männliche Jugendliche tragen bereits den Garrett-Look mit Zopf und Hut.
Genau das ist eines der Anliegen des 28-Jährigen: ,,Mit meiner Musik viele junge Menschen zu erreichen”, sagte er in einem Interview. Bei Zuschauerin Steffi Polmanns hat er es geschafft. ,,Ich bin erst durch David Garrett zur klassischen Musik gekommen”, sagt die 21-Jährige. Bei Freund Markus Lankes ist das etwas anderes. ,,Wer klassische Musik spielt, muss etwas drauf haben”, findet er. Bei Popmusik werde viel gemischt und elektronisch verbessert. Das sei in der Klassik nicht so. ,,Da braucht man Leute mit richtig viel Talent”, bewundert der 23-Jährige klassische Musiker. Ist klassische Musik, also das, was man als ernste Musik bezeichnet, bei Jugendlichen in? Auch der 13-jährige Niklas Haas sitzt im Publikum. ,,Ja, das ist in”, behauptet der 13-Jährige, der selbst Posaune spielt.
Thomas Holland-Moritz, Leiter der Musik- und Kunstschule in Remscheid, sieht das etwas anders. ,,Klassik hat es heute schwer”, meint er. Popmusik habe einfach einen anderen, größeren Stellenwert, auch, weil sie bei Massenveranstaltungen hauptsächlich gespielt und von Eltern vorgelebt und -gehört werde.
Um möglichst vielen Jugendlichen den Weg zur Klassik zu öffnen, gibt es an Schulen Streicher- und Bläserklassen, in denen Fünft- und Sechstklässler ein Instrument lernen. So auch am Remscheider Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (EMA), wo die Streicherschüler an viele Musikstile herangeführt werden. Klassik ist doof? Das würde an der EMA kein Schüler sagen, weiß Direktor Hans-Heinz Schumacher. ,,Wenn Mitschüler so etwas können, dann sagt man das nicht”, findet er. Es werde respektiert.
X-raysie Max Broichhaus ist 14 Jahre alt, spielt Klarinette und singt im Chor. In diesem Jahr wird er wieder bei ,,Jugend musiziert” dabei sein, der bedeutendste Nachwuchswettbewerb für klassische Musik. ,,Pop und Rock kommt an klassische Musik nicht heran”, findet er. Genau dort sieht Max auch das Problem, dass sich nur wenige Jugendliche zur klassischen Musik hingezogen fühlen. ,,Sie ist zu kompliziert.” Den eingängigen Refrain eines Popsong könne man sich leicht merken. Die Klassik sei vielschichtiger und dadurch anspruchsvoller und schwieriger zum Zuhören.
Wenn es um den Stilmix von Pop und Klassik geht, den David Garrett betreibt, dann ist Max einer Meinung mit Thomas Holland-Moritz: ,,Man sollte die Klassik lieber Klassik bleiben lassen”, sagt der Schüler. ,,Ich finde es eine Mogelpackung, mit der man versucht, Leute an die Klassik heranzubringen”, meint Holland- Moritz. Hanz-Heinz Schumacher entgegnet: ,,Klassik vermischt mit neuen Rhythmen: Das kommt sehr gut an.”
Zurück zu David Garrett: Auch wenn die Idee der Kombination von Pop und Klassik nicht neu ist, hat er es dennoch geschafft, viele Menschen (für sich) zu begeis-tern. Zumindest das Publikum der Kölnarena. Trotz des unglaublichen Tempos, mit dem er seinen Bogen über die Saiten huschen lässt, schafft er es immer noch mühelos, dabei quer über die Bühne zu laufen. Der Musiker ist übrigens nicht alleine gekommen. Das Orchester ,,Neue Philharmonie Frankfurt” unter der Leitung von Franck van der Heijden sowie Garretts vierköpfige Band reisen mit ihm und ergänzen sich großartig.
Hochkonzentriert und zum Teil mit geschlossenen Augen spielt er seine Musik. Die Stücke sind bekannt, seine wundervollen Interpretationen sind eigensinnig - typisch Garrett eben.
Übrigens: Am 1. Februar ist David Garrett in der Kölner Philharmonie und am 29. Mai in der Düsseldorfer Tonhalle zu Gast.